Deutsche Sprache - schwere Sprache

Warum ich nicht (oder nur minimal) gendere

Lehrer*innen, Lehrer_innen, Lehrerinnen und Lehrer, LehrerInnen – oder vielleicht doch besser einfach Lehrer? So handhabe ich es.

Das wichtigste Vorweg:

In diesem Artikel geht es um meine Meinung zum Thema gendern und die Art, wie ich meine eigene Internetpräsenz gestalte. Wenn Ihr Text gegendert ist, werde ich diese Wahl selbstverständlich respektieren und ihn nach den gängigen Richtlinien zum Gendern untersuchen.

Das Problem

Vor einiger Zeit ging es durch die Presse: Wer in der Online-Version des Dudens Berufsbezeichnungen wie zum Beispiel „Lektor“ nachschlägt, der wird dort in Zukunft lesen, dass es sich hierbei um eine männliche Person handelt, die Manuskripte prüft und bearbeitet. Frauen sind künftig nur noch unter dem Begriff „Lektorin“ zu finden. Dadurch schafft der Duden das generische Maskulinum (das bisher eigentlich – unabhängig vom biologischen Geschlecht – Männer und Frauen gleichermaßen bezeichnen sollte) faktisch ab.

Im Englischen ist es so schön einfach: „Editor“ ist eine Person, die Lektorate anbietet, sei sie nun männlich, weiblich oder divers. Diesen Luxus haben wir im Deutschen nicht. Denn obwohl mit dem generischen Maskulinum (wie zum Beispiel „die Lektoren“) sowohl männliche als auch weibliche Personen gemeint sein sollen, haben Studien schon in den 70er-Jahren belegt, dass Frauen und Mädchen sich bei dieser Bezeichnung durchaus nicht immer angesprochen fühlen und dass mit dem generischen Maskulinum generell eher Männer assoziiert werden.

So sollte zum Beispiel in einer dieser Studien eine Gruppe von Menschen ihre liebsten Superhelden aufzählen. Es wurden fast durchweg männliche Superhelden genannt. Die Vergleichsgruppe wurde gebeten, ihre liebsten Superhelden oder Superheldinnen zu nennen. Interessanterweise wurden hier deutlich mehr weibliche Vorbilder angeführt. Und wenn Sie einmal ganz ehrlich sind, werden Sie vermutlich bei dem Satz „Die Chemiker stritten sich lange über die korrekte Formel“ tendenziell auch eher Männer vor Ihrem inneren Auge sehen als Frauen oder gar Personen des dritten Geschlechts.

Ratten-Fakt

Ratten sind überaus sozial: Sie schlafen gemeinsam, betreiben gegenseitige Körperpflege und spielen sogar zusammen.

Lösungsversuche

Das generische Maskulinum funktioniert also nur bedingt, wenn alle Geschlechter angesprochen werden sollen. Und daher hat sich die Doppelnennung („die Lehrerinnen und Lehrer“ bzw. „er oder sie“) in den letzten Jahrzehnten in den deutschsprachigen Ländern immer mehr etabliert. Nur leider: Diese Doppelnennung wirkt oft sperrig und macht Texte schwer lesbar. Und so entstanden Formen wie Lehrer/-innen oder LehrerInnen – ob diese besser lesbar sind als die Doppelnennung sei einmal dahingestellt.

Nun ist das dritte Geschlecht aber spätestens seit seiner Anerkennung durch das Bundesverfassungsgericht 2017 auch offiziell in den Köpfen der Menschen angelangt. Und schon stehen wir vor dem nächsten Problem: „Er oder sie“ schließt eben diese Personen aus, die sich weder als weiblich noch als männlich betrachten.

Um diesem Dilemma beizukommen sind inzwischen mehrere Methoden in Mode gekommen, die tatsächlich alle Menschen einschließen sollen. Ich spreche natürlich von immer beliebter werdenden Formen wie:

  • Gendergap (Lehrer_in),
  • Gendersternchen (Lehrer*in) oder
  • Doppelpunkt (Lehrer:in).

Der Satz „Die Chemiker*innen stritten sich lange über die korrekte Formel“ lässt in meinem Kopf auf jeden Fall eher das Bild diverser Geschlechter entstehen als die weiter oben erwähnte Form.

Das grosse ABER

Grundsätzlich steckt hinter dem Gendern also ein positiver und wichtiger Gedanke: Sprache sollte alle Menschen inkludieren und jeder Person alle Möglichkeiten offenlassen sowie die Realität der Gesellschaft widerspiegeln.

Aber bei genauerem Hinsehen kann niemand leugnen, dass es bei der Umsetzung doch so einige Probleme gibt.

Das fängt schon bei der Verwendung der Pronomen an. Wenn ich sage: „Ich brauche eine*n gute*n Lektor*in, der oder die mich bei meinem Buchprojekt begleitet“, habe ich spätestens bei den Relativpronomen „der“ und „die“ das dritte Geschlecht ausgeschlossen. Es fehlt uns in der deutschen Sprache einfach ein passendes Wort. Zwar kann man hier manchmal auf den Plural ausweichen, aber das geht leider nicht immer.

Dann gibt es da noch die Diskussion über die ästhetischen Aspekte. Es herrscht seit Langem ein Streit darüber, ob gegenderte Texte schlechter lesbar und unübersichtlich sind. „Sache der Gewohnheit“, sagen die einen, „Verhunzung der deutschen Sprache“, die anderen. Ich habe einmal gelesen: Gutes Gendern sollte man überhaupt nicht bemerken. Das ist aber leider in den wenigsten Fällen möglich (etwa durch genderneutrale Formen wie „Studierende“) und wirkt oft auch mehr gewollt als gekonnt.

Viel wichtiger ist für mich persönlich allerdings ein ganz anderer Aspekt: Aus meiner Sicht ist der Grundgedanke des Genderns zwar richtig, die Art der Umsetzung verstärkt bisher meiner Meinung nach jedoch das binäre Denken eher, als dass sie die Gesellschaft eint. Ich muss mir nun ständig Gedanken darüber machen, ob wirklich alle Geschlechter oder aber nur Frauen oder nur Männer gemeint sind. Denn wenn ich tatsächlich nur über Männer spreche, wäre der Genderstern in diesem Fall falsch gesetzt.

Ein Beispiel: In einer Facebook-Gruppe fragte neulich jemand, ob Seal und Helene Fischer denn nun eigentlich beide „Musiker“ sind oder eher „Musiker und Musikerin“. Klar. Er ist Musiker. Sie ist Musikerin. Aber sie sind nicht beide Musiker und Musikerin. Das zu behaupten wäre einfach falsch. Es bleibt also eigentlich, wenn man es denn ganz korrekt machen möchte, nur die Einzelnennung: Er ist Musiker und sie ist Musikerin. Und indem man solche Formulierungen schreibt, werden die Unterschiede zwischen den Geschlechtern betont. Auch wenn man sie Musiker*in nennt, hebt man dadurch die Tatsache, dass es sich um verschiedene Geschlechter handelt, eindeutig hervor, statt dass es einfach nur um Menschen geht, die Musik machen.

Und es kommt noch schlimmer: Inzwischen kann man sich durchaus schon fragen, ob gegendert werden muss, wenn nicht einmal Personen im Spiel sind. Zum Beispiel bei diesem Satz: „Bratwürste waren seine ständigen Begleiterinnen.“ Wirklich? Na ja, es ist ja die Wurst…

Die Lösung

Tja, wo ist sie, die Lösung? Sie wird sicher nicht leicht zu finden und mit „Bordmitteln“ auch nicht machbar sein. Idealerweise müsste man die Sprache so verändern, dass sie um eine gänzlich neue, genderneutrale Form ergänzt wird. In Schweden wurde zum Beispiel ein neues, genderneutrales Personalpronomen eingeführt – „hen“ komplettiert jetzt die Reihe der bisher üblichen Pronomina hon (sie) und han (er).

Aber Sprache verändert sich normalerweise von unten nach oben. Die Einführung solcher neuer Formen müsste jedoch vermutlich von oben erfolgen und wird somit sicherlich viel Widerstand hervorrufen.

Fest steht: So weit sind wir hierzulande noch nicht. Und bis wir eine wirklich inklusive Form der Sprache gefunden haben (oder Formen wie das Gendersternchen mir gesetzlich vorgeschrieben werden), werde ich vorwiegend beim generischen Maskulinum bleiben.

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